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Wenn der Körper Führung spiegelt

  • Autorenbild: Markus Tappolet
    Markus Tappolet
  • 18. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Dieser Artikel zeigt, wie gesundheitliche Beschwerden bei Führungskräften manchmal weniger „privat“ sind, als man glaubt. Nicht, weil Führung automatisch krank macht, sondern weil bestimmte Erfolgsprogramme irgendwann beginnen, gleichzeitig Organisation und Menschen zu belasten. Wenn der Körper Signale sendet, kann etwas sichtbar werden, das sich im Alltag leicht überdecken lässt. Und genau dort entsteht Raum: um Muster zu erkennen und die eigene Wirksamkeit neu zu gestalten.


Wenn sich etwas meldet

Viele CEOs erleben irgendwann gesundheitliche Zeichen. Nicht immer dramatisch. Oft eher schleichend. Ein Druck, der länger bleibt als früher. Eine innere Unruhe, die selbst in ruhigen Momenten nicht ganz verschwindet. Gereiztheit, Verspannung, ein diffuses Erschöpftsein. Manchmal Schlafprobleme. Manchmal etwas anderes. Jeder Fall ist anders, jede Geschichte hat ihre eigenen Gründe. Und doch taucht bei vielen eine ähnliche Vermutung auf – leise, aber hartnäckig: Es könnte etwas mit meiner Art zu führen zu tun haben.


Keine Schuldfrage – eine Frage der Stimmigkeit

Diese Vermutung wirkt auf den ersten Blick unbequem. Denn sie rührt an etwas, das viele Führungskräfte lange getragen hat: an die eigene Stärke. An die Muster, die funktioniert haben. An das, was ein Unternehmen durch schwierige Phasen geführt hat. Genau deshalb lohnt es sich, den Gedanken nicht vorschnell wegzuschieben – und ihn gleichzeitig nicht als Schuldfrage zu behandeln. Es geht nicht um „richtig“ oder „falsch“. Es geht um Stimmigkeit.


Der Körper als Seismograf

Organisationen geben Rückmeldung – über Zahlen, Konflikte, Fluktuation, Geschwindigkeit, Qualität. Der Körper gibt Rückmeldung – anders. Er argumentiert nicht. Er verhandelt nicht. Er sendet Signale. Man kann sie lange übergehen. Man kann sie normalisieren. Viele tun das, weil sie es gewohnt sind, durchzuhalten. Weil sie Verantwortung tragen. Weil die Welt nicht wartet. Und weil es immer noch irgendwie geht. Bis es eben nicht mehr einfach „irgendwie“ geht.


Erfolgsprogramme, die einmal notwendig waren

Diese innere Logik entsteht selten zufällig. Viele Muster, die heute belasten, waren früher Lösungen. Sie haben die Person stark gemacht – und das Unternehmen oft überhaupt erst möglich. Entschlossenheit. Tempo. Anspruch. Durchhalten. Dinge selbst in die Hand nehmen. Ein feines Gespür für Qualität. Ein Instinkt für Risiken. Ein innerer Auftrag, Verantwortung nicht nur zu tragen, sondern zu verkörpern.

In der Aufbauphase eines Unternehmens ist das häufig nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Wenn wenig Struktur da ist, wenn Entscheidungen schnell sein müssen, wenn Fehler teuer sind, wenn Märkte hart sind, wenn Vertrauen erst entsteht. Dann ist es sinnvoll, dass jemand Klarheit gibt. Dass jemand zusammenhält. Dass jemand entscheidet. Dass jemand dranbleibt. Viele CEOs haben genau damit ihren Erfolg erarbeitet – und oft auch ihren Stolz.


Wenn sich das Spiel verschiebt

Doch irgendwann verschiebt sich das Spiel. Nicht plötzlich. Eher schrittweise. Das Unternehmen wächst. Die Anzahl der Schnittstellen steigt. Entscheidungen werden mehr, nicht weniger. Themen werden komplexer, nicht klarer. Die Organisation braucht neue Formen der Intelligenz: verteilte Verantwortung, tragfähige Konfliktfähigkeit, klare Orientierungsrahmen, echte Entscheidungsfähigkeit ausserhalb der Person an der Spitze.


Und genau hier entsteht eine stille Spannung. Denn das, was früher Stabilität gab, kann in dieser Phase beginnen, Enge zu erzeugen – ohne dass es jemand direkt bemerkt.


Formal draussen – innerlich gebunden

Der CEO hat sich vielleicht organisatorisch zurückgezogen. Vielleicht sind Rollen verteilt, Meetings umgebaut, Zuständigkeiten definiert. Nach aussen wirkt es, als sei die operative Führung abgegeben. Und doch bleibt innerlich etwas gebunden.

Nicht unbedingt an Aufgaben. Eher an Erwartungen. An Bilder im Kopf, wie etwas „sein müsste“. An das Gefühl, dass bestimmte Dinge ohne die eigene Präsenz nicht zuverlässig werden. An Verantwortung, die formal delegiert ist, aber innerlich nicht ganz abgegeben. An Spannungen im Führungsteam, die nicht wirklich geklärt sind. An Unklarheiten, die nach einer letzten Instanz suchen.


Die stille Rückkopplung im System

Solche Muster zeigen sich nicht immer in grossen Szenen. Manchmal eher in kleinen Bewegungen: ein kurzes Nachjustieren, ein stilles Kontrollieren, ein „nur schnell klären“, ein „ich schaue da kurz drüber“. Nichts davon wirkt dramatisch. Oft wirkt es sogar wie Fürsorge. Wie Professionalität. Wie Qualitätssicherung. Und genau deshalb bleibt es so lange unbemerkt.


Die Organisation lernt dabei – leise, aber zuverlässig. Sie lernt, wo Entscheidungen hingehen. Sie lernt, welche Konflikte nach oben wandern. Sie lernt, wann Unklarheit stehen bleiben darf – und wann jemand sie doch wieder schliesst. Sie lernt, welche Verantwortung wirklich getragen wird – und welche nur auf dem Papier verteilt ist.

So entsteht eine Rückkopplung: Je mehr das System sich im Zweifel auf die Spitze verlässt, desto notwendiger wird die Spitze. Und je notwendiger sie wird, desto schwerer wird echtes Loslassen.


Warum der Körper oft früher reagiert

Der Körper reagiert auf solche Konstellationen oft früher als der Kopf. Weil der Kopf Gründe findet: Die Phase ist intensiv. Der Markt ist schwierig. Es sind gerade viele Themen. Das Team ist noch nicht so weit. Die Situation erfordert Präsenz. All das kann stimmen. Und trotzdem kann parallel etwas anderes wahr sein: dass eine innere Bereitschaft nicht mehr abschaltet. Dass das System dauerhaft auf Empfang bleibt.


Der Wendepunkt: Verstehen statt Kämpfen

Wenn das geschieht, ist Gesundheit häufig nicht „das Problem“, das man lösen muss. Gesundheit ist der Hinweis, dass etwas gesehen werden will. Dass die Logik, die früher getragen hat, an eine Grenze kommt. Dass nicht nur das Unternehmen eine nächste Entwicklungsstufe erreicht – sondern die Führung selbst.


Das ist der Wendepunkt. Nicht dort, wo man beginnt, sich zu kritisieren. Sondern dort, wo man beginnt, zu verstehen. Wenn ein CEO den Zusammenhang erkennt, verändert sich etwas Grundlegendes: Die Signale sind nicht mehr nur Störung. Sie werden Information. Und Information schafft Handlungsspielraum.


Dann taucht eine Frage auf, die tiefer geht als „Wie werde ich wieder leistungsfähiger?“Eine Frage, die oft ruhiger ist, aber weitreichender: Was will hier eigentlich neu werden?


Raum statt Rezept

Viele erleben an dieser Stelle etwas Unerwartetes: Entlastung. Nicht weil sofort alles gelöst ist. Sondern weil die Dinge einen Sinnzusammenhang bekommen. Weil der eigene Druck nicht mehr nur persönlicher Mangel ist, sondern Ausdruck einer Übergangsphase. Weil sich zeigt: Es geht nicht um weniger Anspruch. Es geht um eine andere Form von Wirksamkeit.


Und hier entsteht der Raum, den viele CEOs lange gesucht haben – ohne ihn so zu benennen. Ein Raum, in dem man Muster erkennen kann, ohne sie zu entwerten. Denn Muster sind keine Fehler. Sie sind alte Lösungen. Sie waren einmal passend. Sie haben geführt. Sie haben geschützt. Sie haben ermöglicht.


Wenn sie sichtbar werden, müssen sie nicht bekämpft werden. Sie dürfen gewürdigt werden. Und genau dadurch entsteht Freiheit: die Freiheit, neue Lösungen zu entwickeln, die zur heutigen Phase passen. Lösungen, die nicht nur „entlasten“, sondern die Organisation wirklich reifen lassen. Lösungen, die Verantwortung nicht zentralisieren, sondern tragfähig verteilen. Lösungen, die Klarheit schaffen, ohne zu verengen. Lösungen, die Konflikte nicht nach oben ziehen, sondern im System halten können.


Eine wertvolle Chance

Wie diese Lösungen aussehen, ist in jedem Unternehmen anders. Weil jede Geschichte anders ist. Weil jede Kultur anders ist. Weil jede Person andere Gründe hat, zu handeln, wie sie handelt. Der entscheidende Punkt ist nicht das Rezept. Der entscheidende Punkt ist der Perspektivwechsel: vom „Ich muss es tragen“ zum „Ich kann es gestalten“. Vom „Ich halte alles zusammen“ zum „Wir werden tragfähig“. Vom „Ich sichere ab“ zum „Wir schaffen Orientierung“.


Gesundheitliche Signale sind dabei nicht der Gegner. Sie sind oft der erste ehrliche Spiegel. Sie zeigen, dass Führung nicht nur eine Funktion ist, sondern ein innerer Zustand. Und dass dieser Zustand – wenn er dauerhaft unter Spannung steht – irgendwann seinen Preis fordert.


Vielleicht liegt genau darin eine wertvolle Chance: Dass der Körper nicht nur bremst, sondern auf etwas hinweist, das ohnehin ansteht. Auf die nächste Form von Führung. Auf eine Zukunft, die nicht mehr nur aus Leistung entsteht, sondern aus Klarheit. Und aus einem System, das nicht vom ständigen inneren Wachsein einer Person lebt – sondern von echter, geteilter Verantwortung.


Wenn der Körper Führung spiegelt, ist das nicht unbedingt ein Stopp-Schild.Manchmal ist es der Moment, in dem Gestaltung wieder möglich wird.

 
 
 

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