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Die unbewusste Unternehmensführung

  • Autorenbild: Markus Tappolet
    Markus Tappolet
  • 3. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Unternehmen entwickeln sich nicht nur durch bewusste Entscheidungen, sondern vor allem durch Muster, die im Alltag unbemerkt gelernt und weitergegeben werden. Dieser Artikel zeigt, wie diese unbewusste Dynamik wirkt – und wie Führung sie gezielt nutzen kann, um Innovationskraft und Wirksamkeit freizusetzen.


Stell dir ein Unternehmen vor, das klar geführt ist und zugleich frei genug, um sich weiterzuentwickeln. Ein Ort, an dem Verantwortung nicht verteilt werden muss, weil sie selbstverständlich entsteht. Wo Menschen ihre Ideen einbringen, Spannungen früh sichtbar werden und Herausforderungen nicht abgearbeitet, sondern gestaltet werden.

Dieses Bild ist verbreitet. Viele spüren, dass in ihren Organisationen weit mehr Potenzial vorhanden wäre, als im Alltag sichtbar wird. Gleichzeitig zeigen sich Muster, die der Entwicklung entgegenstehen: Initiativen verlieren an Kraft, Strategien erzeugen nur vorübergehende Orientierung, und Mitarbeitende reagieren zunehmend vorsichtig oder zurückhaltend.


Zwischen dem erlebten Potenzial und der gelebten Realität entsteht so eine Lücke, die sich durch zusätzliche Massnahmen kaum schliessen lässt.


Prägungen und Entwicklungsmöglichkeiten

Wir neigen dazu, Verhalten als Eigenschaft zu interpretieren: „So bin ich halt.“ oder „So sind meine Leute halt.“ Das wirkt nüchtern, fast pragmatisch. Doch es greift zu kurz.


Verhalten ist selten Ausdruck einer fixen Persönlichkeit. Es ist Ausdruck eines Lernprozesses. Menschen entwickeln sich entlang der Umfelder, in denen sie arbeiten und leben. Sie lernen, was hier als sicher gilt, was riskant erscheint und welches Verhalten Resonanz erzeugt.


Viel treffender wäre daher:

„So habe ich gelernt zu sein – in genau diesen Umfeldern.“

Das bedeutet: Ein Unternehmen bekommt nicht die Mitarbeitenden, die es „hat“ – sondern jene, die es durch seine Kultur hervorbringt.


Und genau darin liegt der grösste, oft übersehene Hebel. Um ihn zu verstehen, lohnt sich der Blick darauf, wie menschliches Lernen wirklich funktioniert.

Menschliches Lernen – die stillen Mechanismen

Lernen geschieht meist unbewusst. Es braucht keine Trainingsmodule, keine Workshops, keinen Masterplan. Das Gehirn lernt ständig – und es lernt das, was das Umfeld verstärkt.

Assoziatives Lernen – Mustererkennung

Das Nervensystem verbindet Situationen, Reaktionen und Ergebnisse. Was oft geschieht, wird zur Erwartung.

Verstärkungslernen – was spürbar lohnt, bleibt

Erfahrung, Erleichterung, Anerkennung – sie prägen Verhalten stärker als Worte.

Fehlerbasiertes Lernen – Navigieren durch Abweichung

Unser Gehirn gleicht Erwartungen mit Realität ab und passt sich an. Das geschieht ununterbrochen.

Prozedurales Lernen – Automatisierung

Wiederholung erzeugt Programme: Wie wir Entscheidungen treffen, Meetings führen oder Konflikte vermeiden.

Emotionales Lernen – Verankerung durch Bedeutung

Was uns berührt, prägt sich tief ein. Das gilt für Erfolg ebenso wie für Frustration.

Soziales Lernen – Orientierung am Umfeld

Wir lesen Menschen wie Landkarten: ihre Haltung, ihren Umgang mit Unsicherheit, ihren Mut. Nicht, was sie sagen, sondern was sie leben.


Diese Mechanismen wirken gleichzeitig. Sie formen nicht nur Individuen – sie formen Unternehmenskulturen.


Der unsichtbare Einfluss des Umfelds

Unser Gehirn ist permanent im stillen Abgleich mit seiner Umgebung. Spiegelneuronen lassen uns das Verhalten anderer innerlich simulieren. So entsteht unbewusste Orientierung:

  • Wie spricht man hier?

  • Wie geht man mit Fehlern um?·      

  • Wie reagiert die Führung auf Widerspruch?

  • Wie viel Resonanz erhält Mut?

Aus diesen Signalen entstehen drei grundlegende Reaktionsweisen auf Probleme und Unsicherheit:

Konstruktive Anpassung – Weiterentwicklung, Verantwortung, Lösungsorientierung.

Verteidigung – Rechtfertigung, Festhalten an bekannten Mustern.

Rückzug – innerer Ausstieg, Dienst nach Vorschrift.

Diese Muster entstehen nicht durch Persönlichkeiten, sondern durch Lernklima. Und sie skalieren: vom Einzelnen ins Team, vom Team ins gesamte Unternehmen.

Hier entsteht die Polarisierung, die viele Unternehmen spüren: Zwischen dem Wunsch nach Entwicklung – und den gelebten Mustern, die unbewusst in die entgegengesetzte Richtung wirken.


Die Wirkung von Führungspersönlichkeiten

Wenn Menschen Orientierung suchen, schauen sie nicht zuerst auf Organigramme. Sie schauen auf Verhalten. Auf Haltung. Auf die Art, wie eine Führungsperson mit Unsicherheit, Kritik und Verantwortung umgeht.


Wenn Führung ihre eigene Unsicherheit kaschiert, lernen Mitarbeitende: „Zeig nicht zu viel.“Wenn Führung Konflikte umdeutet, statt sie zu klären, lernen Teams: „Bleib vorsichtig.“Wenn Führung Wachstum fordert, ohne selbst Lernbereitschaft zu zeigen, entsteht: „Sag lieber nichts.“


Führung wirkt nicht durch Worte – sie wirkt durch gelebte Muster. Und sie wirkt stärker, als den meisten bewusst ist.


Veränderung beginnt beim Chef

Auch ein CEO ist Teil dieses Systems. Auch er hat Muster gelernt, die in früheren Umfeldern funktional waren – und die heute limitieren können.


Die gute Nachricht: Das Gehirn bleibt ein Leben lang veränderungsfähig. Muster sind nicht endgültig, sondern Ausdruck früherer Lösungen.


Wenn sich eine Führungsperson sichtbar entwickelt – ehrlicher wird, klarer kommuniziert, Unsicherheit nicht kaschiert, Verantwortung teilt –, verändert sich das Lernklima. Nicht abrupt, aber spürbar. Mitarbeitende orientieren sich daran. Und beginnen, ihre eigenen Muster zu hinterfragen.


So entsteht eine Kultur, die sich nicht durch Druck verändert, sondern durch Orientierung.


Die Identität des Unternehmens

Damit diese Entwicklung nicht von einzelnen Personen abhängt, braucht ein Unternehmen eine gelebte Identität:

  • Eine Vision, die Richtung gibt.

  • Eine Mission, die Sinn vermittelt.

  • Werte, die im Alltag erkennbar sind.

Identität ist nicht kognitiv. Sie wirkt erst, wenn sie emotional verankert ist. Wenn sie in Entscheidungen sichtbar wird, in Zielkonflikten, im Umgang mit Kunden – und im Umgang miteinander.


Ist diese Identität klar und gelebt, entsteht ein innerer Kompass. Dieser Kompass entlastet die Führung und ermöglicht Selbstorganisation im besten Sinn: Verantwortung, die nicht delegiert wird, sondern entsteht.


Fazit – der stille Hebel

Mangelnde Begeisterung ist kein Dauerzustand. Sie ist ein Spiegel. Ein Ergebnis der Kultur, nicht der Charaktere.


Unternehmen, die verstehen, wie Menschen lernen und wie unbewusste Muster entstehen, öffnen sich für einen anderen Weg: nicht durch mehr Steuerung, sondern durch ein Umfeld, das Lernen ermöglicht.


Veränderung beginnt selten mit einem grossen Projekt. Sie beginnt dort, wo Führung den Mut hat, eigene Muster zu erkennen – und ein Lernklima zu gestalten, in dem konstruktive Anpassung möglich wird.


So entsteht ein Unternehmen, das nicht gegen Widerstände arbeitet, sondern mit seiner eigenen Lebendigkeit. Schritt für Schritt, aus sich selbst heraus.

 
 
 

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